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Der Opfertod von Kobane - ein Symbol

October 23, 2014

 

Der Wiener Regisseur und Theatermacher Welunschek bereiste das türkisch-syrische Grenzgebiet.

 

Der österreichische Regisseur und Theatermacher Karl Welunschek lebte erstmals mit 17 Jahren in der Türkei. Vor zwei Wochen begab er sich auf eine Odyssee an die türkisch-syrische  Grenze. Was er nicht mit eigenen Augen sieht, dem misstraut er. Bei all der unterschiedlich konnotierten Berichterstattung arabischer, türkischer, kurdischer und internationaler Medien ist die Nichtberichterstattung über die akute Situation im Süden der Türkei das, was am meisten beunruhigt. Zum ersten Mal nach 12 Jahren rüstet sich die paramilitärische Jandarma (erfüllt militärische Aufgaben im Inland der Türkei)  mit hunderten Panzern gegen die wutentbrannte Bevölkerung. In sechs südtürkischen Provinzen wurde Ausgangssperre verhängt.

 

Foto: Karl Welunschek                               Flüchtlinge kehren von der Arbeit heim

 

Mein Reisebus wird vor der Zufahrt zum bereits in Rauchschwaden gehüllten Kızıltepe von Straßenbarrikaden aufgehalten. Der Bus ist von bewaffneten Vermummten eingekesselt und wird beschossen. Die  zahlreichen in unmittelbarer Nähe stehenden Panzerwägen  der Jandarma greifen jedoch nicht ein, als warte man darauf, dass die kurdischen Vermummten die ersten Zivilopfer auf türkischem Boden fordern. Bereits am Vorabend dürfte die blutige Schlacht zwischen Anhängern der sunnitischen Regierungspartei AKP gegen Anhänger der kurdischen BDP ausgebrochen sein mit der Folge der vollständig devastierten und brennenden Stadt.

 

Auch in den umliegenden Gebieten zwischen Gaziantep, Diyarbakır und Mardin ist der aufkommende Bürgerkrieg zwischen in  der  Türkei lebenden Kurden und  Islamisten seit Donnerstags Vollmond  unignorierbar. Bayramfest. Die  Wende  brachte ein  besonderer  Opferakt  zum Bayramfest.
Der städtische Wasserwagen besprüht die Zufahrtsstraßen, die zum heiligen See Balıklıgöl führen, wo der Legende zufolge Abraham in einer Höhle geboren und im hohen Alter dem Feuer übergeben wurde. Abraham hat sich König Nimrod widersetzt. Es sollte nur einen Gott geben, daraufhin ließ ihn der König auf den Scheiterhaufen stellen. Aus dem Feuer wurde Wasser und aus dem Holz wurden Fische. Soviel zur mythologischen Erzählung jenes Sees Balıklıgöl in Şanlıurfa im Südwesten der Türkei, dessen heilige Karpfen weder gefangen noch verspeist werden dürfen.

 

 Foto: Karl Welunschek          Opferfest


Es  ist 11 Uhr Vormittag  Anfang Oktober  2014  bei 30 Grad Celsius im Schatten. Der Wasserwagen sprüht unermüdlich. Das Wasser schwemmt  das  Blut der Opfertiere, die in  den  letzten Tagen zu  Tausenden in Şanlıurfa  geschlachtet  wurden,  von den Straßen. Das Fleisch bekommen die Bedürftigen, die Flüchtlinge aus Syrien und die Bettler. Die Katzen haben pralle Bäuche und blinzeln in die Sonne.


 

Solidarität mit Rojava!

35 Kilometer südlich über der Grenze in Syrien liegt die begehrte Stadt Ain al-Arab, Kobane, wie ihr kurdischer Name lautet, deren Zivilbevölkerung von IS-Dschihadisten eingeschlossen ist. Zum Bayram hat sich hier ein besonderer Opferakt ereignet: ein Menschenopfer. Eine junge kurdische Frau, Arîn Mîrkan, hat sich mit Sprengstoff umgürtet in eine Gruppe von IS-Dschihadisten gestürzt, um die Welt zu erinnern, ein Zeichen für die Freiheit der Kurden im Kanton Kobane zu setzen und für das gesamte kurdisch-autonome Gebiet Rojava in Nord-Syrien. Ihr strahlendes Lächeln flankiert von zwei Mädchengesichtern ging über soziale Netzwerke um die Welt. Arîn Mîrkan wurde zur Märtyrerin. Mit diesem Opfertod setzten in aller Welt Kundgebungen ein, der unter Beschuss stehenden Bevölkerung von Kobane zu Hilfe zu kommen.

Mit Kobane steht und fällt nicht nur ein kurdischer Kanton an den IS, sondern auch  eine Demokratiebewegung. Seit drei Wochen bekämpfen sich die Kurden und ISIL gegenseitig. Als die Offensive des IS begann, flüchteten 130 000 Menschen in Richtung Türkei. 1,5 Millionen Flüchtlinge haben der Bürgerkrieg in Syrien und seine Folgen bisher über die türkische Grenze gebracht. Die türkische Regierung und das türkische Volk beweisen Großmut und Opferbereitschaft, diese Menge  an  Menschen  aufzunehmen.  Die  Folgen sind noch  nicht  abzuschätzen,  aber vorstellbar. In der türkischen Provinz Şanlıurfa gibt es keine leistbaren Häuser oder Wohnungen mehr.

 

Alles wird zu Münze gemacht und an die Brüder aus Syrien verkauft. Hier im Süden der Türkei, wo Kurden die Mehrheit bilden, ist die Arbeitslosigkeit atemberaubend hoch und die Brüder aus Syrien sind billige, willige Arbeitskräfte. Die Flüchtlinge kommen mit Autos vollbepackt, ihre Wohnungen auf den Dächern wie Schneckenhäuser, und mit ihren Tierherden zur Grenze, müssen dort aber alles zurücklassen, denn die Türkei lässt sie nur das Notwendigste mitnehmen. Sie sind also wieder da angelangt, wo viele von ihnen vor 30 Jahren waren, als sie aus der Türkei nach Syrien geflüchtet waren.

 

Mehrere  Gerüchte machen  in  der  Südtürkei  die Runde.  Zum  Einen habe  die  türkische Regierung 180 Dschihadisten gegen 49 Geiseln aus der Botschaft in Mossul ausgetauscht. Zum Anderen seien 800 Millionen Dollar aus der Türkei an den IS geflossen, um sich Öl zu sichern. Von Waffenlieferungen an den IS ist die Rede und weiters, dass seine Verletzten kostenlos in den Krankenhäusern von Mardin, Şanlıurfa und Diyarbakır behandelt worden seien. Kurz: Die Türkei sei IS-freundlich, da sie den kurdisch selbstverwalteten Staat Rojava noch dringender zerstört wissen möchte als den IS. Ein beiläufiger Kommentar eines AKP- Regierungsmitglieds, der IS wisse schon, wie er mit den Kurden umzugehen habe, bietet weiteren Zündstoff.

Nachdem die Assad-Truppen vor einem Jahr aus dieser Gegend in Nordsyrien abgezogen waren, haben die Kurden die Chance ergriffen, die sich ihnen geboten hat. Sie haben eine Polizei   gestellt,   die   Grenzen   gesichert   und   kurdische   Flüchtlinge   aus   der   Türkei aufgenommen, die im neuen Staat aufbauen und mitgestalten konnten. So wurde eine Infrastruktur  geschaffen  und  zu  leben  begonnen.  Bauern  haben  Herden  großgezogen, bepflanzt und gesät. Für ein selbstbestimmtes Leben kämpfen die Kurden seit Jahrzehnten. In Rojava werden Ansätze direkter Demokratie angestrebt. Nach dem Vorbild des demokratischen Konföderalismus soll ein demokratisches Rätesystem entstehen wie jenes von PKK-Chef Abdullah Öcalan, der alte Mann von Imralı, wo er seit 14 Jahren vor den Toren Istanbuls auf einer Insel im Marmarameer gefangen sitzt. Öcalan wiederum bezog seine Ansätze vom amerikanischen Sozialisten mit jüdisch-russischen Wurzeln, Murray Bookchin, der sich mit einer modernen Auslegung der griechischen Polis auseinandersetzte. In den letzten Jahren haben sich Frauenräte, Kulturräte und Stadtteilräte gebildet.

Einige Ölquellen stehen unter der Kontrolle des Hohen Kurdischen Rats mit Sitz in Kobane. In dieser praktizierten direkten Demokratie beginnen die Frauen, eine aktive Rolle zu spielen, sich selbst zu organisieren, anders als im kurdischen Nord-Irak. Die Befreiung der Kurdinnen ist in Nord-Syrien von der Befreiung der Frauen nicht zu trennen. Die Vielehe wurde verboten, Frauen können sich scheiden lassen und sie haben wie Männer einen Rechtsanspruch. Frauen kämpfen Seite an Seite mit Männern, haben ihre eigenen Brigaden und Kommandantinnen. Auch ist dieser Kanton ein Schutzraum der unterschiedlichen Religionen. Rojava ist eine multikonfessionelle  Gesellschaft.  Hier  leben  sunnitisch-muslimische  Kurdinnen  mit schiitisch-jesidisch-christlichen, aramäischen und orthodoxen Religionsgruppen zusammen – und jede Gruppe stellt ihren Minister, sowie jeweils weibliche und männliche Vorsitzende. Ein Modell, das in unmittelbarer Nachbarschaft im Nahen Osten Feinde hat:

Ein links- demokratisches Rätesystem mit gelebter Frauen-Gleichberechtigung prallt auf eine rechtskonservative Wirtschaft. Nicht zuletzt unter diesem Aspekt verwundert das verhaltene Schweigen des Westens, der beim Begriff Demokratie sonst sehr schnell alle Mittel heiligt.


Der Hohe Kurdische Rat in Rojava ruft die Türkei dahingehend um Unterstützung, Helfer über die syrische Grenze zu lassen und weiters, dem NATO Partner USA die Luftangriffe von Stützpunkten der Türkei aus zu ermöglichen. Türkische Bodentruppen wären von den Kurden ausdrücklich nur in Kooperation mit der internationalen Gemeinschaft gewünscht, denn die Türkei fordert im Gegenzug für ihre Unterstützung von den Kurden, auf ihre Autonomie in Syrien zu verzichten und die Miliz abzulegen.

Zeitgleich mit der parlamentarischen Ermächtigung der türkischen Armee, in Syrien und im Irak militärisch vorgehen zu dürfen, trat an den Grenzen unter dem türkischen Militär eine gewisse Entspannung ein, da gar kein Einmarsch geplant war und ist. Dagegen rüsten die Panzer der Jandarma – also innerhalb des Landes – auf. Vor diesem Hintergrund ist der Friedensprozess zwischen PKK und der türkischen Regierung bedroht. Die Türkei selbst hat ein großes Interesse an der Einnahme Syriens, doch ohne widerständische Kurden im Norden, und präferiert eine in Besitznahme gemeinsam im NATO-Bündnis mit der USA.

 

Wer erledigt die Drecksarbeit?

In der Geschichte wurden die Kurden von den Türken gegen die Armenier eingesetzt. Deutschland schult seit kurzem Peschmerga, autonome Kurden aus dem Nord-Irak, auf deutsche Waffen gegen den IS ein. In Syrien sind es Bilder der kurdischen Frauenfront, die auf sich alleine gestellt Kobane gegen den IS verteidigt. Soll der IS nun die Kurdenfrage für die Türkei klären?

 

Die Südtürkei im Ausnahmezustand

Seit Dienstag Abend eskaliert die Situation. In der südtürkischen Provinz Şanlıurfa dringt durch die geschlossenen Hotelfenster Tränengas, das die türkische Polizei gegen kurdische Demonstranten einsetzt, die mit Autohupen und Gesängen um Hilfsmaßnahmen für syrische Kurden im alleinigen Widerstand gegen den IS protestieren. Kobane ist weniger als 20 km entfernt. Der Großteil der in der Türkei lebenden 15 Millionen Kurden befindet sich hier im Süden. Als Minorität war ihre Sprache, Kurmandschi, bis vor wenigen Jahren unter hoher Strafe verboten. Gestern wurden in Suruç, von wo aus man die Rauchwolken über Kobane sehen kann, wieder kurdische Kämpferinnen und Kämpfer in weißen Tüchern zu Grabe getragen, beklatscht, besungen und von Zungenschnalzern begleitet. Wieder  seien  260  kurdische  Helfer,  die  nach  Syrien  wollten,  an  der  türkischen  Grenze verhaftet worden worden.

 

„Russian big feet won´t find shoes here“

Vom großen Busbahnhof in Şanlıurfa fahren Busse nach Syrien ab. Dschihadisten, militante Islamisten aus der Türkei und ganz Europa finden freies Geleit über die Grenze, nicht zuletzt, um gegen Assads Truppen zu kämpfen.
„Russian big feet won´t find shoes here“ - Ein Alltagsdialog aus einer Shopping-Mall, wo Kurden neben Dschihadisten mannigfaltige Markenimitate einkaufen. Im konkreten Fall handelte es sich um Tschetschenen auf der Durchreise nach Kobane, die – wie viele europäische Gäste in der Türkei – ab einer Herrenschuhgröße 43 selten fündig werden. Mindestens 34 Tote, vorwiegend Kurden und jedenfalls zwei Polizisten, zählt die Liste der bei Demonstrationen Verstorbenen innerhalb einer Woche. 40 000 Menschen starben in den vergangenen  30  Jahren  bei Auseinandersetzungen  zwischen  Kurden  und  Türken  in  der Türkei. Die PKK droht bereits mit ihrer Kriegserklärung. Warum drei kurdische Aktivistinnen voriges Jahr in Paris sterben mussten, bleibt ungeklärt. Verdächtig ruhig ist es um die im südtürkischen Diyarbakır gegründete Hizbullah, die kurdische sunnitisch-islamische Terrororganisation, die eng mit dem IS zusammenarbeitet.


Am Samstag Morgen bricht in der südtürkischen Provinz Şanlıurfa Chaos aus, da eine riesige Staubwolke von Syrien her zieht. Man sieht nur weniger als 10 Meter weit. Alles ist Grau in Grau und drei Millimeter dick benetzt. Man kann kaum noch atmen und auch das Schlucken funktioniert nicht mehr.

Die Lokalmedien geben eine Warnung an Atemwegs- und Herzerkrankte aus, sie mögen sich vorsorglich in Krankenhäuser begeben. Was genau dieser Staub sein soll, ist nicht bekannt. Man hofft auf Regen am Abend, der den Staub in Schlamm umwandeln soll. Am schlimmsten ist die Lage in Suruç, auf der türkischen Seite 10 km vor Kobane. Das Militär und unzählige Kurden an der Grenze haben keine Sicht mehr auf auf die Kriegswirren in Kobane. Kilometer weiter im türkischen Grenzgebiet Şanlıurfa wird in einer Shoppingmall für TV- Kameras eine Polizeirazzia an Jugendlichen mit Maschinengewehren nachgestellt. Einige Kilometer weiter, im südostanatloischen Kilis, bauen syrische Flüchtlinge gegen geringen Lohn an Betonbauten, in denen sich bald reiche syrische Flüchtlinge Wohnungen kaufen werden. Frisches Geld kommt ins Land. Funktioniert die Kolonisation nach Außen nicht, muss man nach Innen kolonialisieren.

 

Dresscode für Dschihadisten?

Am Fuß des Berges Simeon in der türkischen Provinz Hatay liegt der Kreuzfahrerort Samandağ mit syrisch-französischer Geschichte. Als die Alliierten im Ersten Weltkrieg das besiegte Osmanische Reich neu aufteilten, fiel auf Frankreich ein Viertel der nordirakischen Erdölförderung sowie Syrien mit „Sandschak Alexandrette“, das heutige Hatay, das 1936 an die Türkei abgegeben wurde, um eine türkische Kooperation mit den Nationalsozialisten zu verhindern. In Hatay befindet sich jenes Krankenhaus, in welchem kürzlich IS Kämpfer gesund gepflegt worden seien.
Junge Menschen aus Europa gehen hier nicht auf Maturareise oder All Inclusive, sondern wählen Decknamen nach den Beatles – John, George, Paul und Ringo – und nehmen ein Schiff oder die Bergroute nach Syrien, um in den heiligen Krieg zu ziehen.

Junge Söldner aus Verbitterung? Konvertiten, Muslime der zweiten und dritten Generation. Todessehnsüchtige Aussteiger auf der Suche nach dem Thrill. Bevor sie ins Platoon gehen, kleiden sie sich noch nach angesagten Vorbildern: die schwarze Kufiya, Stirnbänder, auf denen Allah-o-Akbar gestickt ist, fingerlose Handschuhe, schwarze Springerstiefel, schusssichere Westen, andere Accessoires und Waffen sowie Fahnen mit dem ersten Teil des Glaubensbekenntnisses aus dem Koran in arabischen Lettern – das Branding des IS. Mit prallen Einkaufstaschen kommen sie aus dem Militariastore beim Bazar, als wären die Gewänder am Körper und die Utopie im Kopf bereits eine politische Realität. Erdogans politische Realität ist, dass die Adjustierung der Gotteskrieger des IS auf türkischem Boden möglich ist und dass die Rekruten entweder in ihrem eigenen Sarg oder mit der Apokalypse im Kopf zurückkehren.

 

 

 

 

Karl Welunschek: Der Opfertod von Kobane. Erschienen im KURIER am 23.10.2014.

 

http://kurier.at/politik/ausland/der-opfertod-von-kobane-ein-symbol/92.688.374

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