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Welunschek: "WERDE IMMER EIN HEIMKIND SEIN"

June 16, 2013

Das einstige Regie-Wunder Karl Welunschek über seine Zeit in Wiener Erziehungsanstalten.

 

Er galt in den 1980er-Jahren als Regie-Wunder, arbeitete mit vielen berühmten Schauspielern, war Enfant terrible der Wiener Szene: Karl Welunschek. Der 58-Jährige erlebte in seinem Leben viele Höhen und Tiefen: „Ich war ganz oben und ganz unten.“ Im heutigen Interview spricht er erstmals über seine Zeit in sechs Kinderheimen.

Er war als Kind und Jugendlicher in Anstalten der katholischen Kirche und der Stadt Wien untergebracht und lässt kein gutes Haar an den Einrichtungen, den dortigen Erziehern und dem heutigen Umgang mit dem Thema. Welunschek schildert eindrücklich, wie in den Heimen die Kriminalität quasi anerzogen wurde. Welunschek wurde in den Anstalten sexuell missbraucht und fordert mittlerweile – unterstützt von den Anwälten Johannes Öhlböck und Daniel Rose – Schadenersatz von der Stadt Wien.

 

 

 

 

 

 

KURIER: Herr Welunschek, warum sprechen Sie jetzt, 40 Jahre nach Ihren Heimaufenthalten, über Ihre Erinnerungen?
 Karl Welunschek: Das ist jetzt ein historischer Moment, weil wir erstmals in der Lage sind aufzuarbeiten; nun doch einige einen Willen haben, das Ganze aufzuarbeiten. Die Heime waren die Hölle auf Erden. Ich bin traumatisiert, weil ich seit meiner Kindheit an immer wieder erleben musste, wie Machtstrukturen missbraucht wurden. Als Kind und später als Künstler. Die Zeit in den Heimen habe ich 40 Jahre lang aus Scham, aus Verdrängung, aus Angst verborgen.

 

Sie wuchsen in einer Arbeiter­familie auf.
 Meine Eltern waren Analphabeten. Ich kam in die Sonderschule für körperlich und geistig benachteiligte Kinder – als staatlich gestempeltes Depperl. Sogar dort wurde ich rausgeschmissen, weil ich so lebendig war. Heute werden solche Kinder als hyperaktiv bezeichnet und liebevoll gefördert. Bereits zu diesem Zeitpunkt war ich für die Fürsorge ein Außenstehender.

 

Sie wurden in kirchlichen Heimen vergewaltigt?
 Die kirchlichen Institutionen leben damit. In diesem geschlossenen System gibt es keine Aufarbeitung. Die Kirchenoberen haben uns als Opfer nicht wahrgenommen. Man fühlte sich ausgelacht. Denn sie waren die Kirche. Sie ist so ein verschwiegener Zirkel, dass dort alles möglich ist. Das wird niemals aufgeklärt werden, das wird niemals jemand zulassen. Der Täter geht hin, büßt und sagt: „Ich habe gefehlt.“ Er büßt im selben System, in dem er missbraucht hat. Eigentlich unglaublich.

 

Sie wurden auch in einem Heim der Stadt Wien missbraucht?
 Bei den Tätern in den städtischen Heimen ist es anders. Die Institutionen waren legitimiert durch eine höhere Ordnung. Dort haben die Täter weiße Mäntel angehabt, hinter denen dann das System gestanden ist, in dem wir heute noch leben. Der Fisch stinkt vom Kopf. Das System, das jetzt aufklären soll, was sich dort abgespielt hat. Hier wird der Täter zum Ermittler.

 

Welche Probleme ergeben sich für ehemalige Heimkinder?
 Warum man für die Heimkinder nichts tun wird? Sie haben keine gemeinsame Sprache und keine gemeinsame Lobby. Für die Politik existieren sie nicht. Auch ich kann nur für mich und nicht für die anderen sprechen. Wir Heimkinder wurden sprachlich und kulturell beschnitten. Wir haben nirgends dazugehört. Auch nicht zum Bildungssystem. Die elitären Schichten haben kein Interesse gehabt, dass wir außerhalb der Gesellschaft stehende Matura machen. So wie sie heute kein Interesse haben, dass ein Türken-Bua Matura macht.

 

Wie war die Zeit in staatlicher Obhut?
 Du wirst fremdbestimmt ab dem ersten Tag. Weil du nichts mehr warst, konnten sie alles mit dir tun. Die durften das, die konnten das. Ohne Folgen und ohne Konsequenzen. Mich hat auch eine Fürsorgerin missbraucht. Am Wilhelminenberg haben sie Mädchen missbraucht. Sie haben den Mädchen alles genommen. Nicht nur die Sexualität. Unentdeckt, ungestraft, ohne Konsequenzen. Wir haben Prostitution, Dieberei in den Heimen gelernt, weil wir uns nur so über Wasser halten konnten.

War das Abdriften in die Kriminalität so etwas wie die „typische Heimkarriere“?
Da gab es auch die Harmlosen, die zehn Schilling gestohlen haben und dann in Stein gelandet sind. Mit zehn Schilling fängt es an – Polizei, Kinderübernahmestelle, dann kommt er ins Heim im Werd. Dort lernt er den Zuhälter kennen, geht mit dem in den Prater, schwängert vielleicht eine 13-Jährige. Sie kommt auf den Wilhelminenberg, er nach Kaiserebersdorf. Wenn er dort rauskommt, stiehlt er, weil er was zum Leben braucht. Dann sitzt er bald in Stein. Es gibt wahrscheinlich 20.000 solcher Fälle, die mit zehn Schilling begonnen haben. Lange Haare zu haben war bereits ein Grund, in ein Heim zu kommen, eine Nacht wegzubleiben, fünf Mal nicht zur Schule zu kommen, ein uneheliches Kind zu sein …

 

Wie erlebten Sie Ihre Erzieher?
 Wir hatten im Werd einen Erzieher, der kam im 55er-Jahr aus der Kriegsgefangenschaft zurück, ein ehemaliger SSler. Weil der selbst aus einem Lager kommend als Einziger nachvollziehen konnte, wie wir Heimkinder uns fühlen, empfanden wir sogar den als einen feinen Kerl. Das ist Ironie. Ein anderer, ein junger Veterinär, war ein Sadist. Ein weiterer Erzieher war Fleischhacker – Peppi B. Der hat die B-Matura gemacht, ist sofort als Heimerzieher zugelassen worden und hat die Kinder geschnalzt. Die Erzieher waren durch die Bank gescheiterte Existenzen. Wer war denn auch noch übrig?

 

Und in den katholischen Heimen?
 Die Nonnen waren noch schlimmer. Die haben Schlägertrupps aus größeren Burschen in diesen Heimen zusammengestellt, von denen wir zusammenschlagen und vergewaltigt wurden. Vielleicht war es ihr Hass auf die Männer, der Hass aufs Zölibat, oder weil sie dem Pfarrer zu Diensten sein mussten. Sie waren ja selbst „Gebrauchsgegenstände“ dieses Systems, in dem es keine Schuld gibt. Wir Heimkinder wurden ja auch gegeneinander aufgehetzt. Entweder der Brutalste war der Sieger, oder der Perfideste. Da hat es keine Freundschaften gegeben.

 

Tragen die Eltern nicht auch eine Schuld?
 Die Eltern spielen sicher eine entscheidende Rolle, gemeinsam mit dem System. Ich bin zutiefst verletzt. Ich möchte mit dem allen nichts mehr zu tun haben.

 

Wie haben Sie den Sprung in die Künstlerszene geschafft?
 Mein Denken ist eine Waffe gegen die Verletzungen, die mir angetan wurden. Aber ich war 30 Jahre lang mit Alkoholmissbrauch konfrontiert und auch einige Zeit nach den Heimen mit Drogenmissbrauch, Tablettenmissbrauch, Gewalttätigkeit. Ich habe so oft meine Karriere zerstört, wieder aufgebaut, zerstört, wieder aufgebaut. Art is my only salvation from the horror of existence.

 

Was bleibt ...
 Was bleibt, ist das Schuldgefühl, dass ich nach dem Heim Karriere gemacht habe. Schauen Sie in ein Obdachlosen-Asyl: 80 Prozent von den Menschen dort waren in Heimen. Ich bin nicht unter den Sandlern, sondern im verhassten Bürgertum gelandet, um Künstler zu werden. Aus meiner Begabung hab ich so viel gemacht, um zu überleben.

 

Das hört sich nach Schuld­gefühl an.
 Ich habe kein Mitleid mit mir. Aber ein schreckliches Mitleid mit den anderen Heimkindern. Mich
 macht es verzweifelt und betroffen, wie schlecht es vielen von denen geht. Den Verantwortlichen sag’ ich: Gebt’s jedem eine Million und schaut’s, dass er sich eine Existenz aufbauen kann.

 

Wie wirkt das Heim später nach?
 In der Angst, dort nie mehr hinzukommen. Ich träume bis heute, dass ich eingesperrt bin und nicht mehr rauskomme. Die nationale Katastrophe, über die wir reden, ist, dass wir das Erlebte an unsere Nachkommen weitergeben. Ich werde immer ein Heimkind sein. Wir Heimkinder werden immer missbrauchte Kinder bleiben.

 

Karl Welunschek im Interview mit Georg Hönigsberger. Erschienen im KURIER am 16.6.2013.

 

http://kurier.at/chronik/wien/welunschek-werde-immer-ein-heimkind-sein/15.901.977

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